Straßenbahn

Das Übrige

Pressemeldung vom 20.06.2011

Generalprobe für die Katastrophe

Motivierter Einsatz aller Hilfskräfte bei Übung mit entgleister Tram und über hundert "Verletzten"

Babelsberg - "Vielleicht ist es nicht ganz so schlimm", denkt sich der Notarzt, als er zusammen mit zwei Sanitätern am Unfallort eintrifft. Es ist schlimm: "Verdammt, der Zugang ist dicht!" Ausgerechnet vor der Treppe, über die sie zur verunglückten Tram auf der Wetzlarer Brücke gelangen wollten, hat ein brauner VW einen Unfall gebaut – die Insassen sind eingeklemmt. Doch das muss warten, von weiter oben dringen Schmerzensschreie. Die Notärzte sind die ersten vor Ort, "Schwerer Straßenbahn-Unfall mit vielen Verletzten" ist momentan alles, was sie wissen. Das Team kraxelt den steilen Hügel hinauf. "Holt mich hier raus!", brüllt ein junger Mann, er ist unter der entgleisten Tram eingequetscht, die Scheiben sind zersplittert, die Vorderseite ist zerstört. Im Gras liegt ein Körper, ein unter Schock stehender Mann irrt auf den Gleisen herum, in den vollbesetzten Waggons befinden sich weitere Verletzte mit blutigen Gliedmaßen. Der Notarzt schluckt. "Hoffentlich", schießt ihm durch den Kopf, "passiert mir so ein Einsatz nie im wirklichen Leben!"

Schließlich handelt es sich bei alldem "nur" um eine Übung, genau gesagt, um den praktischen Abschluss einer zweitägigen Ausbildung, an der alle 15 Freiwilligen Feuerwehren Potsdams teilnahmen. Mit rund 140 Hilfskräften und circa 120 Verletzten-Darstellern ist es allerdings eine ziemlich große und realistische Übung, so mancher Sonntags-Spaziergänger bleibt besorgt stehen: Dreht Babelsberg hier einen Krimi oder ist wirklich was passiert? "Bitte zurücktreten!", sagt Wolfgang Hülsebeck freundlich zu den Schaulustigen. Der Leiter des Fachbereichs Feuerwehr in Potsdam weiß: Es sind zwar nicht wirklich - wie es im Szenario steht – drei Sprayer über die Gleise gelaufen und haben dabei den Unfall verursacht, aber Ärzte und Feuerwehrmänner müssen dennoch so reagieren und handeln, als ob – da darf im Ernstfall auch keiner im Weg stehen. "Zum Glück hatten wir in den letzten Jahren aber keinen Unfall dieser Größenordnung", so Hülsebeck.

Weitere Sirenen nähern sich, bereits vier große Einsatzwagen der Feuerwehr säumen den Zufahrtsweg von der Nuthe-Schnellstraße. Das verunglückte Auto wird derweil mit elektrischen Scheren aufgehebelt: "Vor der Befreiung muss erst mal der Airbag lahmgelegt und die Batterie abgekoppelt werden, damit es keinen Unfall mit offenen Leitungen gibt", erläutert Hülsebeck. Eine halbe Stunde nach dem Alarm ist nun auch der Katastropheschutz angerückt – rund um den Einsatzort beginnt sich eine Notfall-Infrastruktur zu bilden. In kürzester Zeit gilt es für die Einsatzkräfte, ein logistisches Großprojekt mit vielen unbekannten Faktoren auf die Beine zu stellen: Das fängt beim richtigen Parken der fast 30 beteiligten Fahrzeuge an, geht über die Koordinierung der Einsatzkräfte bis zur medizinischen Bestückung der selbstaufblasbaren Sanitätszelte, die trotz der Größe einer kleineren Hüpfburg von vier Personen schnell um ein paar Meter verrückt werden können. Zimperlich und entscheidungsschwach darf da keiner sein: Noch immer sitzen viele Verletzte in der Straßenbahn fest, schreien vor Schmerz, hämmern an die Fenster, rufen um Hilfe, einige sind schwer verletzt.

"Bei der Katastrophenschutzübung ‚Roter Adler' im Jahr 2007 auf der Langen Brücke hat die Sichtung der Verletzten zu lange gedauert", sagt Hülsebeck. "Das wollen wir dieses Mal besser machen." Dazu wird bei der Übung erstmalig eine neue Strategie angewandt: Ein kleines Notfallteam geht zunächst "auf Sichtung" durch die Reihen der Unfallopfer und verteilt bunte Bänder – von grün (leicht verletzt, kann selbstständig gehen) bis schwarz-gelb (tot) – und ermöglicht durch diese schnelle Vorsortierung, dass die Ärzte sich möglichst rasch um die dringendsten Fälle kümmern können. "83 Sichtungen in 30 Minuten – das ist eine gute Zeit", freut sich Übungsleiter Rainer Schulz. Der Abtransport der Verletzten läuft wie am Schnürchen. "Wichtig ist bei dieser Übung vor allem das Zusammenspiel der verschiedenen Einsatzkräfte", so Schulz. In dieser Hinsicht haben sich die Teilnehmer größtenteils gut geschlagen.

Auch Hülsebeck ist "insgesamt sehr zufrieden, auch mit der Ernsthaftigkeit aller Beteiligten." Das liegt vermutlich am teilweise erschreckenden Realismus des Szenarios: Im Sanitätszelt ragt einem Opfer ein Knochen aus dem Bein (alles nur Maske, versteht sich), kurz vor Beginn der Übung wurde überall noch etwas Blut nachgeträufelt. Schulz dankt in dieser Hinsicht auch dem Verkehrsbetrieb in Potsdam, der für die Übung eine ausrangierte Straßenbahn zur Verfügung gestellt hat. Noch realistischer wäre es vielleicht gewesen, wenn der Einsatz unter erschwerten Bedingungen ausgeführt worden wäre, zum Beispiel bei Nacht. "Hätte man machen können", meint Wolfgang Hülsebeck, "aber wir wollen ja schließlich sehen, wie die Hilfskräfte arbeiten!"

Auswertung: "Im Vergleich zu ‚Roter Adler' haben sich die internen Abläufe weiterentwickelt", stellt Schulz zufrieden fest, auch wenn etwa das Zusammenspiel zwischen Vorsichtung und Behandlungsplatz etwas fehlerhaft abgelaufen sei. Die letzten Zahlen zu den Opfern: Vier der in das Klinikum "Ernst von Bergmann" Eingelieferten gingen sofort in den OP-Saal, ein "Toter" ist zu beklagen. Ferner: Sechs Abgänge, also Leute, die einfach weggegangen sind. Schulz sieht das aber nicht so eng: "Das ist auch realistisch. Unfallopfer, die unter Schock stehen, laufen hin und wieder einfach vom Unfallort weg." Und außerdem: "Wenn die Übung perfekt laufen würde, dann stimmt was nicht!", meint Hülsebeck. von Erik Wenk

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten