Straßenbahn

Das Übrige

Pressemeldung vom 06.06.2016

Öffentlicher Nahverkehr in Potsdam

Der Herr der Schienen

von Stefan Engelbrecht

In der Leitstelle des Verkehrsbetriebes ViP werden Potsdams Trams und Busse gesteuert. Für den Job braucht es starke Nerven – auch wegen der zunehmenden Fahrgastzahlen.

Frank David ist ein echter Fan. In seinem kleinen Büro auf dem Betriebsgelände des Verkehrsbetriebes ViP in der Babelsberger Fritz-Zubeil-Straße hängen unzählige Wimpel und Wandteller mit Abbildungen von verschiedensten Straßenbahn- und Bustypen. Daneben drei Krawatten, von oben bis unten vollgepackt mit Klammern, auf denen ebenfalls Trams abgebildet sind – sowie mehrere Bilder eines Hundes. Sein Name: Sir David. „Der ist leider vor einem Jahr gestorben“, sagt der Gruppenleiter der Leitstelle des Verkehrsbetriebes ViP melancholisch.

In der Schaltzentrale des ViP laufen alle Informationen zum öffentlichen Personennahverkehr in Echtzeit zusammen. Gibt es Verspätungen oder Pannen? Ist gar ein Bus zu früh dran und muss an der nächsten Haltestelle warten? Gibt es einen Unfall oder beschwert sich ein Fahrgast? Es kann hektisch werden hier, vor der Wand an Monitoren, über die unzählige Informationen flimmern. Was sind das für Menschen, die hier schnell wichtige Entscheidungen treffen müssen?
Starke Nerven und den Überblick behalten

„Die Fahrdienstleiter müssen auf jeden Fall gute Nerven haben“, sagt Frank David. Der 59-Jährige ist ein „alter Hase“ beim Verkehrsbetrieb, seit 1983 dabei, zunächst als Bus- und Tramfahrer. Nach der Wende wurde David zum Verkehrsmeister ernannt und 2006 zum Gruppenleiter. Man müsse Erfahrungen als Fahrer haben, das Streckennetz gut kennen, sofort wissen, wo welcher Bus und welche Tram unterwegs sind. „Wir nennen das auch gern Leidstelle“, witzelt David.

Acht Kollegen wechseln sich im Schichtdienst ab. Jörg Schulz ist einer davon. Der 51-Jährige sitzt gegen 9 Uhr morgens gelassen auf seinem Stuhl und betrachtet das Dutzend Monitore vor ihm. Seine Schicht hat um vier Uhr morgens begonnen, der Berufsverkehr ist gerade vorbei. „Heute ist es relativ ruhig“, so Schulz. Dennoch blinkt es überall auf den Bildschirmen, kleine Symbole mit Nummern wie „92“ oder „98“ darauf springen von einer Haltestelle zur nächsten. „Die Nummern sind die Linien, die Symbole die Busse und Trams, die derzeit in Potsdam unterwegs sind.“ Ein anderer Monitor zeigt 21 Bilder der Überwachungskameras an Straßenkreuzungen. An der Humboldtbrücke staut es sich gerade. Ähnlich einem Internetchat tauchen auf einem anderen Bildschirm Textnachrichten auf. „Das sind Anfragen und Informationen der Fahrer.“ 230 gibt es laut David derzeit.
Schnelle Entscheidungen

Gelegentlich muss zum Telefonhörer gegriffen werden. Wie im Fall von Tram-Fahrerin Barbara Hein, die wissen will, was sie mit dem Fahrgast machen soll, dessen Tageskarte nicht aus dem Automaten gekommen ist. „Stell ihm zur Not eine Quittung aus“, sagt Fahrdienstleiter Schulz. Hein ist zufrieden, kurz darauf ist sie wieder am Telefon. „Die Karte ist doch rausgekommen.“ Problem gelöst.

Ganz oben auf der Liste taucht eine weitere Nachricht auf. Ein Bus ist komplett besetzt. Die Kapazitätsauslastung sei erreicht, sagt Schulz. Das passiere in letzter Zeit immer öfter. Die wachsende Stadt macht auch dem Verkehrsbetrieb zu schaffen. Mehr Einwohner bedeuten mehr Fahrgäste. Als Reaktion darauf will der ViP in den kommenden Jahren rund 50 Millionen Euro in den öffentlichen Nahverkehr investieren. Bereits jetzt sind einsatzfähige Trams Mangelware. Er habe nur noch drei im Depot stehen, so Schulz. Da dürfe nicht mehr viel passieren.

Vor dem Fahrdienstleiter ist der wichtigste und größte Monitor direkt unter der Decke der Leitstelle angebracht. Auf ihm ist ein Teil Potsdams als Landkarte zu sehen. Auch hier blinken Symbole. „Das ist das Geografische Informationssystem GIS“, sagt Schulz. Eine Art GPS für den öffentlichen Nahverkehr. Was bedeutet das Symbol 998, das ist doch keine Tramlinie? „Das ist mein Außendienstmitarbeiter“, sagt er. Der fahre mit einem Auto durch Potsdam und kontrolliere Strecken und Unfallschwerpunkte wie die Burgstraße oder den Johannes-Kepler-Platz. Im Notfall sei er der Erste vor Ort. So war es vor einigen Jahren, als Blitzeis den gesamten Verkehr in Potsdam für Stunden lahmlegte. „Da musste ich alle Fahrzeuge anhalten. Das war schon außergewöhnlich“, so Schulz. Die in diesem Jahr in regelmäßigen Abständen angemeldeten ausländerfeindlichen Pogida-Demos in Potsdam seien hingegen mittlerweile Routine. Für die Demos war in den vergangenen Wochen teils die gesamte Innenstadt für Stunden abgesperrt worden.
Manchmal bleibt auch etwas liegen und muss später bearbeitet werden

Routiniert und schnell muss es auch bei einem Unfall gehen. So wie im April, als der Fahrer eines Kleintransporters in Bornstedt eine Straßenbahn übersah. „Es gab Verletzte, die Tram sprang aus den Schienen“, sagt Schulz. „Und ich war alleine in der Schicht, wie immer.“ Der Fahrdienstleiter hat nur die Unterstützung des Außendienst-Kollegen. „Da muss man schnell entscheiden. Und gegebenenfalls etwas hinten runterfallen lassen“, so Schulz. Polizei und Feuerwehr müssen alarmiert, die betroffenen Fahrgäste betreut werden. Ein Ersatzfahrer ist zu organisieren, eine Ersatztram. Und bei einem schweren Unfall steht auch der Fahrer meist unter Schock und benötigt seelsorgerische Hilfe. „Nach einem Unfall wird der Fahrer automatisch aus dem Dienst genommen“, sagt Schulz.

Erst wenn diese Notmaßnahmen in Gang gebracht wurden, können beispielsweise Informationen auf der Internetseite des ViP und für das Fahrgastinformationssystem an den Haltestellen eingegeben werden – LED-Anzeigen, auf der aktuelle Verspätungen oder eben Streckensperrungen wegen eines Unfalls eingegeben werden können.

„Zwei Mitarbeiter in einer Schicht wären schon gut“, so Schulz. Sein Chef, Frank David, stimmt zu. Das sei aber derzeit vom Unternehmen nicht gewollt. Im Notfall helfe er aber bei der Organisation. Schließlich sei auch er bereits am frühen Morgen gegen vier Uhr im Büro.

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten