Straßenbahn

Das Übrige

Pressemeldung vom 15.11.2007

"Barrierefreiheit kostet eben"

Rollstuhldemo: Linke will "Rufbusse" / EU-Abgeordnete Schroedter: Behindertengerechte Busse sind Aufgabe der Busunternehmen (14.11. 2007)

Babelsberg – "Wir wollen Bus fahren!" Lautstarken Protest gegen Potsdams Busunternehmen gab es gestern Abend an der Bushaltestelle "In der Aue". In der Abenddämmerung trafen sich mehr als 50 junge Menschen – etwa die Hälfte von ihnen im Rollstuhl – und demonstrierten gegen die Praxis des Verkehrsbetriebs Potsdam GmbH (ViP), nur noch einen Rollstuhlfahrer pro Bus mitzunehmen. Initiator der Demo war Jennifer Kurze, Auszubildende am Berufsbildungswerk (BBW) im Oberlinhaus gGmbH.

Gerade in den letzten drei Monaten sei die Situation "schwierig" geworden, sagt Kurze. Besonders problematisch sei die Lage an der Linie 694, die sowohl an den Behindertenwerkstätten des Roten Kreuzes, als auch am BWW in der Steinstraße – wo laut Kurze allein 85 Rollstuhlfahrer lernen – und dem Oberlinhaus in Babelsberg vorbeiführt. Wartezeiten von einer Stunde kämen durchaus vor. Im September habe sie zum ersten Mal davon erfahren, dass die ViP-Busfahrer "belehrt" wurden, nur einen Rollstuhl im Bus zuzulassen, erzählt Cornelia Klein, die im Rollstuhl sitzt und oft "stehen gelassen" wurde. "Man fühlt sich frustriert", sagt die 23-jährige angehende Mediengestalterin: "Man hat eine Ausbildung, ein Leben und Termine, die man auf die Reihe kriegen muss." Unterstützt wurde sie gestern auch von Hubertus von Badewitz, einem der Geschäftsführer des BBW, sowie Helmut Erker, dem Behindertenbeauftragten der Stadt. Jürgen Becker vom Behindertenbeirat forderte eine sofortige Lösung des Problems. Jana Schulze (Linkspartei) schlug "Rufbusse" als kurzfristige Lösung vor und kündigte an, dass ihre Fraktion in der nächsten Stadtverordnetenversammlung Anfang Dezember einen entsprechenden Antrag einreichen werde. Langfristig müssten in Gesprächen mit allen Seiten aber andere Lösungen gefunden werden. Die Verkehrsbetriebe begründen ihre Maßnahme mit einer EU-Richtlinie, die seit 2005 in deutsches Recht umgesetzt wird. Von der ViP kam gestern kein Vertreter zur Demo. ViP-Sprecher Stefan Klotz hatte vorher auf PNN-Anfrage erklärt, es sei "eine unschöne Situation für alle Beteiligten". Er warb für Verständnis: "Wenn etwas passieren würde, wären wir dran." Es gebe "derzeit keine technische Lösung, die erlaubt ist", so Klotz weiter. Er könne "nicht prognostizieren, wann und in welcher Form sich das ändert." Auch Marianne Schmidt, Sprecherin der Havelbus Verkehrsgesellschaft Potsdam mbH, kennt das Problem: Bei Havelbus betreffe es allerdings nur Busse, die nach 2005 angeschafft wurden – etwa 30 von rund 220. In den älteren Bussen sei Platz für zwei Rollstühle. Die Rollstuhl-Regelungen seien "kein böser Wille", so Schmidt auf Anfrage. Sie wies auf die EU-Richtlinie hin: "Die Rollstuhlfahrer müssen sich bei der EU beschweren." Das sieht Elisabeth Schroedter anders: Die bündnisgrüne Politikerin sitzt als brandenburgische Abgeordnete im EU-Parlament. Die Demo "trifft in der Sache die Richtigen", sagte Schroedter gestern auf Anfrage. Denn die fragliche EU-Richtlinie schreibe nicht die Anzahl der Rollstuhl-Plätze im Bus vor: Es werden vielmehr Sicherheitsstandards für die Mitnahme von Rollstühlen festgelegt. "Es ist Aufgabe der Busunternehmen, ihre Busse auf die Aufnahme von Behinderten einzustellen", so Schroedter: "Die Busse müssen technisch umgerüstet werden", auch wenn das Geld koste: "Barrierefreiheit kostet eben manchmal was."

Jana Haase

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten