Straßenbahn

Das Übrige

Pressemeldung vom 19.09.2008

"Ohne Vorwarnung"

Prozess um tödlichen Tram-Unfall: Zweites Unglück wegen offener Tür nur mit Glück verhindert

Die Erinnerung an den Unfall setzt Danilo K. immer noch zu, obwohl er in seinem Job häufig schwere Verletzungen sieht. Eine Freundin des 32-jährigen Rettungssanitäters wäre fast mit derselben Straßenbahn verunglückt, die Sekunden später den 17-jährigen Marc-Phillip G. überrollte. Am zweiten Prozesstag zum tödlichen Tram-Unfall vor knapp einem Jahr schilderte Danilo K. gestern die dramatischen Ereignisse jener Minuten kurz nach Mitternacht. Er belastete damit auch Straßenbahnfahrer Ralf K., der wegen fahrlässiger Tötung angeklagt ist.

Danilo K. hatte an diesem Abend mit seiner Freundin und dem Ehepaar W. die Feuerwerkersinfonie am Volkspark besucht. "Wir gingen erst los, als die meisten Gäste weg waren", erzählte der Potsdamer. Wartend an der Haltestelle sah das Quartett die Clique um Marc-Phillip G., um Mitternacht kam die Bahn. Kathleen W. soll laut Danilo K. in die zweite Tür des zweiten Wagens gestiegen sein – doch plötzlich sei die Tram "ohne Vorwarnung" losgefahren, mit offener Tür. Kathleen W. stieß dabei laut ihrer Aussage mit dem Schienenbein gegen die nächste Stufe und konnte sich gerade noch an einer Stange festhalten, um nicht aus der fahrenden Tatra-Bahn zu fallen. Ihr Ehemann und andere Zeugen im zweiten Wagen bestätigten gestern das Geschehen.

Während Kathleen W. so in den Wagen kam und die Tram weiterfuhr, beobachtete Danilo K., dass am Ende des ersten Wagen irgendjemand war: "Es sah aus, als ob etwas aus dem Wagen fiel." Schnell sei ihm klar geworden, dass ein Unfall passiert sei, im Rennen wählte er mit seinem Handy gegen 00.04 Uhr den Notruf. Auch über die Minuten danach, als er den noch atmenden Jungen betreute, redete Danilo K. gestern. Gleichzeitig hielt sein Bekannter Sven W. – eben noch geschockt, weil seine Frau fast verunglückt wäre – eine Tram auf dem Nachbargleis an: "Dort bekam ich einen Erste-Hilfe-Kasten."

Während der Schilderung der letzten Sekunden im Leben von Marc-Phillip G. saß der angeklagte Fahrer Ralf K. wie versteinert im Saal des Amtsgerichts, hörte aufmerksam zu, nur seine Finger auf dem Tisch vor ihm bewegten sich. Den 47-Jährigen verfolgt das Geschehen jener Nacht wohl noch immer, seine Züge wirken traurig, seine Haare sind ergraut. Seit 21 Jahren arbeitet er schon beim Verkehrsbetrieb. Als in der Verhandlung die Obduktionsergebnisse verlesen wurden, hielt er sich die Hände vors Gesicht: Der Junge war wegen schwerster Unterleibsverletzungen verblutet.

Wie genau dies passieren konnte, ist noch nicht gänzlich klar. Mehrere Zeugen sagten, Marc-Phillip G. sei neben der Bahn gerannt, um noch durch die offene Tür zu seinen Freunden zu springen. Einer sagte, sie hätten ihm sogar zugejubelt. Zur der Zeit hatte 17-Jährige Alkohol getrunken, ebenso stand er unter leichtem Cannabis-Einfluss – und muss beim Rennen über die abschüssige Böschung vor Ort offenbar ins Stolpern gekommen sein.

Inwiefern an der Tragödie jedoch nun der Fahrer schuld ist, will Richterin Constanze Rammoser-Bode nächsten Dienstag entscheiden. Dann wird auch ein Gutachten vorgestellt, das Kernpunkt der Anklage sein soll. Denn eigentlich kann eine Bahn nicht mit einer offenen Tür fahren, ein Sicherheitsmechanismus würde dann den Strom sperren. Allerdings sei diese Vorrichtung in der Unglücksnacht umgangen worden, glaubt die Staatsanwaltschaft – mit Hilfe eines Sicherheitsschalters, der sich in Tatra-Bahnen neben dem Fahrerpult befindet. Ralf K. bestreitet, diesen Notfallschalter betätigt zu haben. Auch habe er vor Abfahrt in den Rückspiegel der Bahn geschaut, sich dann aber nach vorn konzentriert – ohne den Unfall zu bemerken. Henri Kramer

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten