Straßenbahn

Das Übrige

Pressemeldung vom 18.10.2008

Zweifel an der Variobahn

Bei Experten gilt die Stadler-Tram, die Potsdam kaufen will, als nicht erprobt

Von Guido Berg

In Expertenkreisen regt sich Zweifel daran, ob die Variobahn von Stadler eine so ausgereifte Tram ist, wie es sich Potsdam nach seinen schlechten Erfahrungen mit dem Combino wünscht. Der Aufsichtsrat des Potsdamer Verkehrsbetriebes ViP hatte sich in der vergangenen Woche für den Kauf der Variobahn entschieden. Potsdam will insgesamt 18 neue Straßenbahnen für 45 bis 50 Millionen Euro kaufen. Die ersten zehn Trams sollen bis Ende 2010 ausgeliefert werden (PNN berichteten). Die Gesellschafterversammlung muss dem Kauf noch zustimmen. Der ViP ist eine 100-prozentige Tochter der Potsdamer Stadtwerke.

Potsdam hatte 1996 als weltweit erste Kommune die Siemens-Bahn Combino gekauft. Später stellte sich die Niederflurtram als technisch nicht ausgereift dar. 2004 musste Siemens alle Combinos vorübergehend aus dem Verkehr ziehen und startete ein extrem aufwändiges Programm zur Sanierung weltweit aller Combinos. Nach diesen Erfahrungen wollte Potsdam keine Experimente mehr eingehen und eine Bahn kaufen, die sich im Alltag bewährt hat. Den Ausschreibungbedingungen zufolge muss der Hersteller auf 20 bereits abgenommene und im täglichen Nahverkehrseinsatz befindliche Fahrzeuge verweisen können.

Der Leiter des Bereiches Engineering bei Stadler, Ronny Wandtke, versicherte den PNN, Stadler habe "über 20 Fahrzeuge im Regelbetrieb", konnte aber die genaue Zahl nicht nennen. PNN-Recherchen zufolge sind tatsächlich weit über 100 Variobahnen im Einsatz – die jedoch alle noch von Bombardier und Firmenvorgängern wie Adtranz und ABB/Henschel gebaut wurden. Dagegen sind derzeit erst zwei originäre Variobahnen von Stadler im Probeeinsatz: eine in Gelsenkirchen und eine in Nürnberg. Stadler hatte die Lizenz für die Variobahn von Bombardier übernommen und bemüht sich seit 2005 um die Vermarktung der Bahn. Die Entscheidung des ViP-Aufsichtsrates zugunsten eines Herstellers, der mit seinem Produkt nur über sehr geringe Betriebserfahrungen besitzt, bezeichnete ein Fachmann den PNN gegenüber als "ein hohes Risiko". Die Bahn sei auf den ersten Blick "ein Topfahrzeug". Gut sei auch die Großstadt-taugliche Innenausstattung. Jedoch bedürfe es eines sehr guten Gleisnetzes mit hohem Pflegeaufwand, denn die Variobahnen besitzen keine herkömmlichen Antriebe sondern Radnabenmotoren, die nicht abgefedert seien. Deshalb sei die Variobahn in Potsdam 1996 nicht einmal in die engere Auswahl gelangt. Von weiteren "Kinderkrankheiten" ist die Rede. Die Erfahrungen, die noch Bombardier in Helsinki mit Variobahnen gemacht habe, die mit Radnabenmotoren ausgestattet sind, seien "katastrophal". Ein anderer Branchenkenner erklärte den PNN, die Stadler-Variobahn sei "noch nicht ausreichend erprobt".

Der Nürnberger Verkehrsbetrieb VAG hat acht Variobahnen bei Stadler in Berlin-Pankow bestellt. Derzeit sind zwei Trams in der Inbetriebnahme. Es habe "Nachbesserungsbedarf" gegeben, sagte VAG-Sprecherin Elisabeth Seitzinger den PNN. Dabei ginge es aber insbesondere "um ein paar Software-Geschichten, die behoben werden müssen". Insgesamt sei die VAG mit der Straßenbahn aber "schon zufrieden".

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten