Straßenbahn

Das Übrige

Pressemeldung vom 14.05.2011

Potsdam begrüßte gestern die erste Variobahn. Nach Tests und Zulassung fährt sie ab September für alle

von Guido Berg

Der Hof des Potsdamer Verkehrsbetriebes ViP wandelte sich gestern zum großen Bahnhof: Grund war das offizielle "Roll-in" der ersten Variobahn, die der Hersteller Stadler aus Berlin-Pankow an Potsdam auslieferte. Potsdam hat zunächst zehn dieser 100-prozentigen Niederflurstraßenbahnen bei Stadler bestellt und sich eine Option auf weitere acht Bahnen gesichert. Der Stückpreis wird mit etwa 2,5 Millionen Euro angegeben. Bis zum 31. Juni müsse "der Abruf der Option aus dem Vertrag" geltend gemacht werden, erklärte gestern Potsdams Finanzbeigeordneter Burkhard Exner (SPD). Im PNN-Gespräch erklärte Exner, die Finanzierung für den Kauf der weiteren acht Bahnen sei sichergestellt. Sie erfolge aus den Mitteln des Landes zur Förderung des Öffentlichen-Personen-Nahverkehrs in Höhe von 2,5 Millionen Euro im Jahr. Die erste Variobahn mit 57 Sitz- und 118 Stehplätzen werde in den nächsten Monaten zahlreiche Tests durchlaufen und durch die technische Aufsichtsbehörde zugelassen. Dem ViP zufolge gehören zum Testprogramm Bremsprüfungen, Messungen der Laufgüte und der Fahrdynamik jeweils mit Geschwindigkeiten bis zu 60 Kilometer pro Stunde. Im September dieses Jahres soll sie den regulären Fahrgastbetrieb aufnehmen. Noch-ViP-Chef Martin Weis war gestern nicht anwesend, er habe bis zum Ende seines Vertrages zum Jahresende um eine "Freistellung" gebeten.

Exner erinnerte den Chef des Pankower Stadler-Werkes, Michael Daum, daran, dass er den Auftrag der Firma Siemens zu verdanken habe. Potsdam wollte eigentlich 45 Combinos von Siemens kaufen. Nach technischen Problemen, die 2004 zur zeitweiligen weltweiten Außerbetriebnahme aller Combinos führte, beließ es Potsdam bei 17 gelieferten Combinos einschließlich des Prototyps und schrieb neu aus. Aus diesem Wettbewerb ging Stadler als Sieger hervor. Im Januar 2009 erhielt Stadler den Auftrag, erinnerte Daum. Die Variobahn sei mit einer Klimaanlage ausgerüstet, die auch bei hohen Außentemperaturen funktioniere, erklärte Daum und rechnete sicher damit, dass einigen der über 100 Roll-Inn-Gästen dabei die Sommer-Pleite der ICE-Züge einfällt. Die Systeme der Variobahn besitzen zudem "eine hohe Redundanz" und daher eine "hohe Verlässlichkeit". Der Stromverbrauch sei "extrem niedrig", da das Fahrzeug "getriebelosen Antriebe" besitze. Die Variobahn wird über Radnarben-Motoren angetrieben – die Motoren sitzen direkt in den Felgen der Reifen. Kritiker dieser Bauart weisen auf die hohe sogenannte "unabgefederten Masse" hin, die zu hohen Geräuschen führe. Stadler-Ingenieur Ulf Braker versicherte, das Fahrzeug werde alle Richtwerte einhalten. In der österreichischen Stadt Graz wird derzeit über eine zu hohe Lärmimmission der Variobahn diskutiert. Der Verkehrsbetrieb Graz-Linien verweist auf die spezifische Situation enger Gassen in Graz hin (PNN berichteten). In Potsdam machte die erste grün-weiße-Variobahn der ViP in den Augen der Roll-Inn-Gäste eine gute Figur. "So weit ist sie ganz in Ordnung", erklärte der auf den Rollstuhl angewiesene Jan Krech. Die Variobahn werde auf jeden Fall eine Verbesserung für die Stadt Potsdam". Es mache keinen Spaß, eine halbe Stunde auf eine Niederflurstraßenbahn zu warten. Grund: Erst die Variobahnen sollen die Hochflur-Tatras ablösen, die in den 1980er Jahren angeschafft wurden und für Rollstuhlfahrer nicht benutzbar sind. Derzeit sind in Potsdam nur 17 Niederflur-Trams unterwegs, die Combinos. Auch Rollstuhlfahrer Hans-Eberhard Bewer sieht das so, auch wenn eine Festhaltestange im Eingangsbereich für Rollstuhlfahrer störend sei. Ansonsten wirkt das Interieur der Bahn sehr gediegen, durchdacht und weiträumig. Allein 16 Bildschirme informieren die Passagiere. Der Fahrkartenautomat nimmt Münzen, Scheine oder EC-Karten. Die Verarbeitungsqualität der Materialien erscheint hoch. Die vier Türen der Bahn sind sehr breit, was Ein- und Ausstieg erleichtern dürfte.

Auch das Cockpit wirkt gediegen. Tramfahrer Clen Lippmann: "Ich bin mit meinem Arbeitsplatz zufrieden." Immerhin ist der Fahrersitz luftgefedert und beheizbar. Besondere Freude löste der Kaffeebecher-Halter aus. Anstatt Rückspiegel verfügen die von Potsdam georderten Variobahnen Rücksicht-Kameras mit Monitoren links und rechts für den Fahrer.

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten